Entwicklung kulturellen Bewusstseins für das interkulturelle MCI Design

Rüdiger Heimgärtner
Intercultural User Interface Consulting (IUIC)
ruediger.heimgaertner@iuic.de

ANMELDUNG: Das Tutorium ist auf 15 Teilnehmer begrenzt. Bitte melden Sie sich vorab unter ruediger.heimgaertner@iuic.de an.

Motivation

Interkulturelles Usability-Engineering dient als Mittel, Produkte guter Benutzbarkeit für Benutzer verschiedener Kulturen zu entwickeln (Honold 2000). Vorbedingung dafür ist das Wissen um die Unterscheide in MCI, welches beim Produktdesign und bei der Produktrealisierung berücksichtigt werden muss (Honold 2000; Röse 2002; Heimgärtner 2007). Kulturelle Dimensionen und kulturelle Standards stellen kulturelle Orientierungssysteme dar (Hofstede & Hofstede 2005; Thomas 1996). Diese Kulturmodelle können herangezogen werden, um Erklärungsmodelle für interkulturelles MMI Design zu entwickeln als auch die Methoden des interkulturellen Usability Engineerings zu verbessern (vgl. Heimgärtner 2010).

Zielsetzung

Das Ziel dieses Tutoriums ist die Bewusstwerdung der Problematik der Anwendung von Usability Engineering Methoden im Kontext des interkulturellen MMI Designs. Dies geschieht durch die Darstellung und Vermittlung notwendiger Voraussetzungen und grundlegender Methoden für interkulturelles MCI Design. Das Tutorium soll dabei vermitteln, warum kulturelle Aspekte beim MCI-Design eine Rolle spielen und berücksichtigt werden müssen und wie dies für das MCI-Design und innerhalb des Usability Engineerings machbar ist. Anhand von Beispielen und Übungen werden die Inhalte veranschaulicht, reflektiert und intensiviert. Die Teilnehmer werden durch praktische Übungen auf allen Kommunikationsebenen (Inhalt, Beziehung, Selbstoffenbarung und Wirkung) für die Herausforderungen im interkulturellen Usability Engineering hinsichtlich des interkulturellen MCI-Designs sensibilisiert, mit handlungsrelevantem Methodenwissen ausgestattet und zu dessen Anwendung eingeladen.

Zielgruppen

Dieses Tutorium bietet einen einführenden Überblick über das Gebiet des interkulturellen MCI-Designs. Besondere Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Das vorgeschlagene Tutorium richtet sich vor allem an

  • HCI-DesignerInnen
  • HCI-EntwicklerInnen
  • HCI-ProduktmanagerInnen
  • UsabilityExpertInnen

mit guten deutschen Sprachkenntnissen (da die Präsentationssprache Deutsch ist).

Inhalt

Folgende Methoden werden im Tutorium näher erläutert und Übungen dazu durchgeführt.
Unterschiede zwischen Kulturen können durch die Analyse kritischer Interaktionssituationen zwischen Menschen herausgefunden werden (Thomas 1996). Honold 2000 machte diese Methode für kulturelle Unterschiede in der MMI verfügbar. Dabei werden kritische Interaktionssituationen, welche sich aufgrund problematischer Benutzerschnittstellen ergeben bzw. auf der vorgegebenen Systemfunktionalität beruhen, analysiert. Darüber hinaus kann man Systeme auch als (künstliche) Agenten mit einem eigenen von der Kultur des Entwicklers verursachten kulturell geprägten Verhalten betrachten. Das interne Modell des Benutzers über das System wird von der Kultur des Benutzers, dessen Erwartungen über die Eigenschaften des Systems und dessen Interaktionserfahrung mit dem System geprägt. Vöhringer-Kuhnt 2002 stellte fest, dass z.B. Hofstedes Individualismus-Index mit Benutzerzufriedenheit und Gebrauchsfähigkeit des Produkts zusammenhängt und signifikanten Einfluss auf interkulturelle Usability hat.

Röse 2002 schlug die „Methode für kulturorientiertes Design“ vor, welche die Faktoren von neuen Konzepten des kulturorientierten MMI Designs und die Kenntnis kultureller Unterschiede in vorhandene Konzepte des MMI Designs integriert. Relevante kulturelle Variable für interkulturelles MMI Design müssen analytisch anhand von Literaturrecherchen und Anforderungsstudien ermittelt werden. Ihre Werte stellen kulturabhängige Variationen dar, welche auf allen Ebenen der MMI-Lokalisierung (Oberfläche, Funktionalität und Interaktion) vorkommen (Röse 2002) und für das interkulturelle User Interface Design (IUID) genutzt werden können (Heimgärtner 2007). Jedoch sind die stärksten kulturell beeinflusste Bereiche (wie kognitive oder ethische Aspekte) nicht direkt an die Oberfläche sichtbar – nur das Benutzerverhalten ist sichtbar. Daher gibt insbesondere die Analyse des Benutzerverhaltens Aufschluss über die kulturelle Prägung des Benutzers (Röse 2002). Eine der vielversprechendsten Methoden, kulturelle Unterschiede in der MMI zu erhalten, ist deshalb, die Benutzerinteraktion mit dem System zu beobachten und zu analysieren (Heimgärtner 2008). Die Ergebnisse in Form von kulturellen Variablen und ihren Ausprägungen dienen als Grundlage für Richtlinien im interkulturellen MMI Design und für interkulturelles Usability Engineering (z.B. kulturelle Interaktionsindikatoren, vgl. Heimgärtner 2007).

Organisation

Das Tutorial dauert einen halben Tag. Nach einer allgemeinen Einführung in interkulturelles MCI-Design und Usability Engineering, werden in mehreren Phasen folgende Methoden in einem Kurzvortrag vorgestellt und anschließend mit den TeilnehmerInnen anhand praktischer Beispiele eingeübt:

  • Analyse kritischer Interaktionssituationen (vgl. Thomas 1996): Erfahren und Bewusstwerdung kultureller Unterschiede – Analyse von Ist- und Soll-Situation sowie Erfahrungsaustausch – Kommunikationsmethoden, Empathie, Rollentausch, Selbst/Fremdbild
  • Methode des kulturellen HCI Designs (MCD, vgl. Röse 2002): Identifizierung kultureller Unterschiede im MCI-Design – Wissen um kulturelle Unterschiede und ihrer Auswirkungen auf das MCI-Design – Benutzerorientierte Anforderungsanalyse
  • Methodenanalyse im kulturellen Kontext (vgl. Heimgärtner 2010): Identifizierung der Herausforderungen bei der Benutzung von Methoden des Usability Engineerings im interkulturellen Kontext – Wissen um methodologische Herausforderungen und ihrer Vermeidung

Abschließend werden die neuen Kenntnisse im Plenum diskutiert, reflektiert und vertieft.

Unterlagen für TeilnehmerInnen

Die präsentierten Folien werden als Handout zu Beginn des Tutoriums an die TeilnehmerInnen verteilt. Alle Präsentationen und während des Tutoriums erarbeiteten Ergebnisse werden elektronisch dokumentiert und sind für die TeilnehmerInnen des Tutoriums über die WebSite von IUIC (www.iuic.de) verfügbar.

Literatur

Heimgärtner, R. (2007). Cultural Differences in Human Computer Interaction: Results from Two Online Surveys. In: Oßwald, A. (Ed.), Open innovation, Konstanz: UVK, 46, 145-158.

Heimgärtner, R. (2008). A Tool for Getting Cultural Differences in HCI. In: Asai, K. (Ed.), Human Computer Interaction: New Developments, Vienna: In-Tech, 343-368.

Heimgärtner, R. (2010). Auf dem Weg zu einem Erklärungsmodell kulturabhängiger Mensch-Maschine-Interaktion. Interdisziplinäre Konferenz INTERAKTIVE KULTUREN, M&C 2010 am 12.-15. September in Duisburg.

Hofstede, G., & Hofstede, G. J. (2005). Cultures and Organizations: Software of the mind. New York: McGraw-Hill.

Honold, P. (2000). Interkulturelles Usability Engineering: Eine Untersuchung zu kulturellen Einflüssen auf die Gestaltung und Nutzung technischer Produkte. Düsseldorf: VDI Verl.

Röse, K. (2002). Methodik zur Gestaltung interkultureller Mensch-Maschine-Systeme in der Produktionstechnik. Kaiserslautern: Univ.Verl.

Thomas, A. (1996). Psychologische Bedingungen und Wirkungen internationalen Managements analysiert am Beispiel deutsch-chinesischer Zusammenarbeit. In: Thomas, A., Psychologie interkulturellen Handelns. Göttingen, Bern, Toronto, Seattle: Hogrefe.

Vöhringer-Kuhnt, T. (2002). The Influence of Culture on Usability, Freie Universität Berlin. M.A.

Kommentare sind geschlossen.